„Für mich ist das Ruhegebet, wie das tägliche nachhause kommen an die tiefste Quelle meines Lebens. Ich habe den Brunnen als mein persönliches Wappen gewählt und Christus ist für mich der Brunnen, aus dem ich täglich die Kraft, all das schöpfen kann, was ich brauche, um meine vielseitigen Aufgaben als Letztverantwortliche einer großen Abtei erfüllen zu können. Das Ruhegebet lässt mich täglich aus dem Brunnen lebendiges Wasser trinken.“
Äbtissin M. Laetitia Fech O.Cist
Lehrende des Ruhegebetes

 


Ruhegebet – Fragen und Antworten

Auszug aus dem Buch von Pfarrer Dr. Peter Dyckhoff

Erster Teil: Hinführen zum Ruhegebet

3. Voraussetzungen
Wege zur Zielerreichung

„Viele geistige Erneuerer haben den Menschen Ziele vor Au­gen gestellt, die ein normal lebender Mensch eigentlich nie­ mals in seinem Leben erreichen kann. Liegt da bei Cassian nicht auch eine Gefahr, wenn er die Auswirkungen des Ruhegebetes als so hoch beschreibt und von Zielen spricht, die utopisch scheinen?“

Diese Frage ist durchaus berechtigt und wird von vielen gestellt. Zum einen darf die Sehnsucht des Menschen nach Gott niemals erlahmen. Es muss Erneuerer geben, die jeweils in ihrer Zeit die Heils- und Erwartungsbotschaften des Neuen Testamentes der Zeit entsprechend formulieren und erfahrbar machen. Gemessen an den Zielen, die Jesus Christus den Menschen vorgibt – denken wir nur an die Bergpredigt – sind diejenigen, von denen Cassian spricht, eher bescheiden. Cassian hat lediglich die Erfahrungen und die Entwicklung, die er und andere mit dem Ruhegebet machten, in Worte gefasst.
Bedenken Sie dabei, dass das geistliche Niveau zu seiner Zeit ein wesentlich höheres war als es heute ist.
Durch die Verkopfung, die in den letzten Jahrhunderten hier bei uns eingetreten ist, trat leider – bis auf wenige Ausnahmen – die religiöse Erfahrung ganz in den Hintergrund. Zu den Ausnahmen gehören die religiösen Erneuerer, die vergessenes Glaubensgut wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen und somit einen lebendigen Glauben wecken. In jedem Fall ist es wichtig, nicht in der Routine und Grauzone des Alltags zu erlahmen, sondern immer neu wieder aufzubrechen und sich motiviert auf einen geistlichen Weg zu begeben. Selbstverständlich dürfen Erwartungen und die mit ihnen verbundenen Ziele nicht zu hoch angesetzt werden, sondern sie müssen für unserer Zeit und unsere Vorstellungen angemessen sein.
Durch Ihre Frage wird deutlich, wie weit sich das von uns gelebte Christsein von den ursprünglichen Werten entfernt hat und unbedingt belebt werden muss. Vieles bleibt Theorie und Spekulation, wenn nicht – zumindest ansatzweise – wieder geistliche Erfahrungen gemacht werden. Ein wirklicher Individuations- und Integrationsprozess vollzieht sich erst durch das Gehen eines geistlichen Weges, der ständig neu einen Aufbruch fordert, dann aber auf heilsame Weise rechte Erkenntnis und Erfahrung miteinander verbindet. Dass wir hier ganz unten und bescheiden ansetzen müssen, ohne gleich nach den Sternen zu greifen, liegt nahe.